Eine Ergänzung zur Glosse von Chris (Nerdizismus/SerienChecker)
Man sollte vorsichtig sein mit Prognosen. Kaum hatte ich diese Glosse verfasst, kaum hatte ich den Typus des „wohlmeinenden Erklärbärs“ beschrieben, der sich einen Strohmann-Kritiker bastelt, um sich nicht mit echten Argumenten auseinandersetzen zu müssen, da lieferte das Universum prompt ein Lehrbuchbeispiel. Ein aktueller Artikel auf Golem.de führt uns durch die Geschichte des Star-Trek-Fandoms: Von den Hassbriefen gegen Worf über die Empörung gegen Captain Janeway bis zur Ablehnung des Enterprise-Songs. Die Botschaft ist kristallklar: Seht her, Fans haben schon immer gegen Neues gewettert. Sie lagen schon immer falsch. Und sie werden auch diesmal falsch liegen. Ich könnte jetzt sagen: „Danke für die Bestätigung.“ Aber schauen wir uns das genauer an. Der Artikel bedient sich exakt jener rhetorischen Strategie, die ich in der Glosse beschrieben habe:
Erstens: Er zitiert die toxischsten historischen Beispiele – rassistische Hassbriefe gegen Avery Brooks, sexistische Anfeindungen gegen Nana Visitor – und suggeriert dadurch, dass alle damalige Kritik aus derselben Quelle stammte.
Zweitens: Er konstruiert eine historische Parallele: „Fans lehnten X ab → heute lieben sie es → also liegen heutige Kritiker auch falsch.“
Drittens: Er ignoriert vollständig, dass es auch damals berechtigte, handwerkliche Kritik gab. Kein Wort davon, dass TNG eine schwache erste Staffel hatte (heute Konsens). Kein Wort davon, dass Voyager tatsächlich Inkonsistenzen hatte. Kein Wort davon, dass Enterprise vorzeitig endete, weil die Quoten einbrachen.
Viertens: Er setzt toxischen Hass und differenzierte Kritik gleich, indem er beides unter dem Begriff „Negativität“ subsumiert.

Das Perfide daran: Der Artikel gibt vor, historisch zu argumentieren, dabei betreibt er selektive Geschichtsklitterung. Aber lasst mich das konkretisieren, was der Artikel systematisch ausblendet:
TNG Staffel 1: War objektiv schwach. Das räumen heute selbst die Macher ein. Die Kritik führte zu personellen Änderungen im Writers Room, und ab Staffel 3 wurde die Serie brillant. Die Kritik hatte also einen produktiven Effekt.
DS9: Brauchte tatsächlich Zeit, seinen Rhythmus zu finden. Die Kritik an den frühen Staffeln war nicht aus der Luft gegriffen – die Serie fand ihre Stärke erst mit der Dominion-Storyline.
Voyager: Wird auch heute noch kontrovers diskutiert. Selbst Fans der Serie räumen ein, dass die Charakterentwicklung inkonsistent war (siehe: Neelix, Chakotay). Die Serie hatte handwerkliche Probleme.
Enterprise: Wurde nach vier Staffeln abgesetzt. Nicht weil Fans „sturköpfig“ waren, sondern weil die Quoten sanken. Der Markt hat entschieden. Punkt.
Der Artikel tut so, als sei die Geschichte eine einfache Abfolge: „Fans meckern → Zeit vergeht → Fans lieben es.“ Das ist eine groteske Vereinfachung. Die Wahrheit ist: Manche Serien wurden besser. Manche blieben mittelmäßig. Und manche scheiterten. Der Artikel erwähnt Fanzines und Magazine wie Cinefantastique – aber nur, um zu zeigen, dass es „Negativität“ gab. Was er verschweigt: In genau diesen Publikationen wurde differenziert kritisiert. Es gab sachliche Analysen von Drehbüchern, Charakterbögen, narrativer Logik. Diese Stimmen existierten neben den Hassbriefen – aber der Artikel wirft beides in einen Topf. Genau das ist die intellektuelle Unredlichkeit, die ich kritisiere: Die Verweigerung, zwischen toxischem Hass und berechtigter Kritik zu unterscheiden. Der Artikel behauptet implizit: „Weil es damals toxische Kritik gab, die sich als falsch erwies, ist auch heutige Kritik toxisch und falsch.“ Das ist logisch ungefähr so stichhaltig wie: „Weil Ärzte sich früher geirrt haben, sollten wir heutige Diagnosen ignorieren.“ Ja, es gab damals Fans, die Worf ablehnten, weil er ein Klingone war. Aber es gab auch Fans, die TNG Staffel 1 kritisierten, weil die Drehbücher schwach waren – und die hatten recht. Ja, es gab damals Fans, die Janeway ablehnten, weil sie eine Frau war. Aber es gab auch Fans, die Voyagers inkonsistente Charakterentwicklung kritisierten – und die hatten ebenfalls recht. Der Artikel verweigert diese Differenzierung systematisch. Lasst mich noch einmal präzisieren, worum es uns geht – weil der Artikel das ja nicht tut:
Fans kritisieren nicht, dass es neue Serien gibt.
Sie kritisieren, wie sie gemacht sind.
Fans kritisieren nicht, dass sie eine junge Zielgruppe ansprechen.
Sie kritisieren, dass „junge Zielgruppe“ als Entschuldigung für schlampiges Handwerk dient.
Fans kritisieren nicht, dass es diverse Charaktere gibt.
Sie fragen, ob ihre Geschichten gut erzählt sind.

Konkrete Beispiele für oben genanntes findet ihr bei den Trek Nerds, bei den SerienCheckern oder in meiner Analyse rund um das Thema „Trauma„. Dort findet ihr IMHO präzis benannte, handwerkliche Kritikpunkte inklusive alternativen Lösungswegen. Keine emotionale Ablehnung. Keine Angst vor Veränderung. Aber solche Argumente tauchen im Artikel (und auch Anderen) nicht auf. Stattdessen wird behauptet, das Problem sei, dass Fans „nicht verstehen wollen„, dass ein Franchise eine neue Zielgruppe braucht. Das ist nicht nur ein weiterer Strohmann – es ist eine Beleidigung unserer Intelligenz. Was der Artikel betreibt, ist eine Form der intellektuellen Immunisierung. Er schafft ein Narrativ, in dem jede Kritik automatisch als Wiederholung eines ewigen Musters abgetan werden kann:
Kritiker: „Folge 3 hat ein Logikloch.“
Erklärbär: „Fans haben auch TNG abgelehnt. Ihr liegt falsch.“
Kritiker: „Die Charakterentwicklung ist inkonsistent.“
Erklärbär: „Fans haben auch Worf abgelehnt. Geschichte wiederholt sich.“
Kritiker: „Das Drehbuch ignoriert etablierte Regeln.“
Erklärbär: „Fans haben auch den Enterprise-Song gehasst. Ihr seid einfach stur.“
Das ist keine Auseinandersetzung mit Argumenten. Das ist eine Verweigerung von Auseinandersetzung. Und es ist gefährlich. Denn wenn Studios glauben, sie müssten Kritik nicht ernst nehmen, weil sie „nur“ Wiederholung eines alten Musters ist – dann gibt es keinen Anreiz mehr, besser zu werden. Der Artikel endet mit der Feststellung: „Ein Franchise, das nur das bietet, was es immer schon gab, das es nicht wagt, Neues zu erzählen, ist letzten Endes zum Sterben verurteilt.“ Dem stimme ich zu. Aber hier ist die Frage, die der Artikel nie stellt:
Ist Starfleet Academy wirklich neu? Ein Prank War zwischen Schulen – ist das neu? Oder ist das die xte Wiederholung eines Highschool-Klischees? Ein Sportspiel, das visuell von Starship Troopers kopiert ist – ist das Innovation? Eine „Hall of Fame“ mit Kirk und Archer – ist das mutig? Oder ist das das Gegenteil von dem, was der Artikel einfordert: das Ausruhen auf dem, „was es immer schon gab“? Wir kritisieren die Serie nicht, weil sie neu ist. Wir kritisieren sie, weil sie nicht neu genug ist. Das ist der blinde Fleck des Artikels. Er wirft Fans vor, gegen Veränderung zu sein – dabei fordern Fans genau das Gegenteil: mehr Mut, mehr Innovation, mehr eigene Identität. Ich hatte gehofft, mit meiner Glosse eine Debatte anzustoßen. Stattdessen wurde mir ein perfektes Beispiel für genau jene Argumentationsstrategie geliefert, die ich kritisiert habe – auch in den Kommentarspalten.
Der Artikel bestätigt jeden einzelnen Punkt meiner Analyse:
✓ Strohmann-Konstruktion durch toxische Beispiele
✓ Historischer Parallelbeweis ohne Differenzierung
✓ Immunisierung gegen konkrete Argumente
✓ Verwechslung von Zielgruppe und Qualität
✓ Gleichsetzung von Hass und Kritik
✓ Ignorieren differenzierter Stimmen
✓ Belehrender, überlegener Tonfall
Ich danke für die Bestätigung. Aber ich wünschte, es wäre anders gekommen. Ich wünschte, es gäbe eine echte Auseinandersetzung mit unseren Argumenten. Eine Debatte, in der nicht reflexartig historische Parallelen gezogen werden, sondern konkrete Kritikpunkte diskutiert werden. Denn darum geht es doch: Um die Liebe zu Star Trek. Um den Wunsch, dass dieses Franchise nicht nur überlebt, sondern gut ist. Um die Hoffnung, dass „neue Zielgruppe“ nicht bedeutet „niedrigere Standards“.
- Wir sind nicht die Fans aus den Neunzigern, die Hassbriefe schrieben.
- Wir sind die Fans, die in Fanzines differenzierte Analysen veröffentlichten.
- Wir sind die Fans, die DS9 liebten, als andere es ablehnten.
- Wir sind die Fans, die TNG Staffel 1 kritisierten – und Staffel 3 feierten.
Und genau deshalb nehmen wir uns das Recht heraus, präzise zu kritisieren. Der Strohmann steht noch. Aber wir auch.
Live long and prosper – aber bitte mit der Bereitschaft zum echten Dialog.
Addendum: Falls jemand vom Typus des Erklärbärs dies liest und denken sollte, ich hätte ihn persönlich gemeint – nein. Ich habe einen Argumentationstypus beschrieben. Dass dieser Typus in der Realität existiert, wurde mir nun freundlicherweise bestätigt. Danke dafü