„Früher gab’s auch Quatsch“ – 4/4

Teil 4: Der Vergleich

Welche Kassen bei Paramount 2026 wirklich leer sei sollen, hat bislang niemand beantwortet. Es gibt aber eine zweite Frage, die sich sehr wohl beantworten lässt. Wie sieht Science-Fiction aus, wenn Geld nicht die Ausrede ist?

New Trek hat, wie sich gezeigt hat, gute Ideen, die selten zu Ende gedacht werden. Die Anschlussfrage liegt nahe. Machen andere das gerade besser?

Die Antwort fällt unangenehm eindeutig aus.

„The Orville“ ist das deutlichste Beispiel. Die Serie startete als liebevolle Star-Trek-Parodie, mit Slapstick-Humor und Seth MacFarlane in der Hauptrolle. Über drei Staffeln hinweg wurde daraus etwas anderes, eine der ernsthaftesten, konsequentesten Science-Fiction-Serien der letzten Jahre, mit Handlungsbögen, die tatsächlich zu Ende erzählt werden, und Konsequenzen, die tatsächlich bleiben. Eine Serie, die als Witz begann, nimmt heute genau die Fragen ernst, an denen sich New Trek gerade abarbeitet, und liefert dabei die Konsequenz, die dort fehlt.

For All Mankind“ ist das zweite Beispiel, und es tut besonders weh. Maßgeblich geprägt von Ronald D. Moore, der selbst aus dem Star-Trek-Umfeld kommt und „Deep Space Nine“ mitgeprägt hat, erzählt die Serie eine alternative Geschichte des Wettlaufs ins All. Sie ist genau die Art von durchdachter, in sich stimmiger High-Concept-Science-Fiction, für die Star Trek einmal stand. Dieselben Leute, die früher gutes Trek gemacht haben, liefern heute außerhalb der Marke die bessere Arbeit ab.

Pluribus“ schließlich zeigt, dass das Publikum für anspruchsvolle Konzept-Science-Fiction nach wie vor da ist, wenn man ihr die nötige Ernsthaftigkeit gibt. Auch hier ein durchgezogener Grundgedanke, keine Episode-für-Episode-Beliebigkeit.

Was diese drei Serien verbindet, ist ein eigenes Konzept, das über die gesamte Laufzeit trägt, genau das, was New Trek gerade fehlt. Kurtzman-Trek, „Lower Decks“ ausgenommen, hat davon auffällig wenig. Gerade „Strange New Worlds“ macht das sichtbar. Sofern eine Episode nicht auf dem großen, wie gezeigt nie ganz zu Ende erzählten Story-Bogen aufbaut, ist sie meist ein Konzept, das erkennbar woanders ausgeliehen wurde. Mal klingt es nach „Alien“, mal nach „Blade Runner“, mal nach „Starship Troopers“. Eigene Ideen sind selten geworden.

Dazu kommt eine visuelle Ermüdung. Trümmerfelder und Asteroidenfelder tauchen in New Trek auffällig oft auf, offenbar, weil sie im Bild gut aussehen, nicht weil die Geschichte sie braucht. Die Kamera dreht sich, einfach weil eine drehende Kamera cool aussieht, nicht weil eine Szene das verlangt. Auf der Brücke explodieren Konsolen, weil explodierende Konsolen nach Actionfolge aussehen. Natürlich flogen auch früher schon Steine aus den Kontrollpulten, das war nie das Problem. Der Unterschied ist, dass sich das Visuelle in sechzig Jahren eigentlich weiterentwickelt haben sollte, nicht nur wiederholt. Vieles davon wird gemacht, weil man es heute kann, nicht weil es der Geschichte dient. Ähnlich verhält es sich mit dem wöchentlichen Countdown, die pünktlich zum Abspann wieder bedeutungslos geworden ist.

Wer das kritisiert, bekommt regelmäßig dieselbe Antwort, die wir schon im Zusammenhang mit Lego-Sets und ihrer Qualität beschrieben haben. (Du bist kein Fan, immer diese Hater, Nestbeschmutzer usw.)  Kritik am Handwerk wird als mangelnde Liebe (wahlwise mangelndes Wissen) zum Franchise umgedeutet, nicht als das, was sie ist. Denn es kann schließlich nicht sein, was nicht sein darf.

Der eigentliche Verlust dahinter ist größer als eine einzelne enttäuschende Folge. Star Trek war einmal Taktgeber für echte Wissenschaft, nachweislich, mit zahlreichen Forschern, die öffentlich sagen, die Serie habe sie zu ihrem Beruf inspiriert. Diesen Punkt haben wir an anderer Stelle bereits ausführlich belegt, hier reicht der Verweis. Genau diese Wirkung ist heute kaum noch vorhanden. New Trek verhandelt vor allem Trauma und Emotion, was für sich genommen legitim ist, aber die visionäre Kraft, die einmal reale Menschen zu realen Erfindungen trieb, ist davon weit entfernt.

Der Vergleich mit „The Orville“, „For All Mankind“ und „Pluribus“ zeigt, dass das Publikum diese Art von Science-Fiction noch will. Sie wird nur gerade woanders gemacht.

Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt dieser Kolumne. „Früher gab’s auch Quatsch“ klingt wie ein Gegenargument, ist aber keins. Dass Star Trek schon immer schräg war, hat hier niemand bestritten, das stand nie zur Debatte. Die eigentlichen Fragen waren immer andere:

    1. ob eine Idee für ihre Figuren funktioniert,
    2. ob ein Konzept zu Ende gedacht wird,
    3. wer dafür verantwortlich ist, wenn das nicht passiert, und
    4. ob es woanders gerade besser gemacht wird

Wer also weiterhin mit dem alten Chaos kontert, beantwortet eine Frage, die niemand gestellt hat, und übersieht dabei die vier, die tatsächlich gestellt wurden.

LLAP
Chris

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