Eine Glosse von Chris
Es hilft ja nix liebe Daseinsformen aller Dimensionen – Star Trek muss mal wieder kommentiert werden, denn ich lese und höre in letzter Zeit doch Verwunderliches im Nirvana vermeintlich „deeper“ und „weitsichtiger“ Statements. Doch worum geht es?
Es geht um eine bewährte Methode der intellektuellen Selbstversicherung: Man erschaffe sich einen Gegner, der so beschaffen ist, dass man ihn mühelos besiegen kann – den toxischen Ewig gestrigen.
Der alten Fritz nannte das vielleicht ein Scheingefecht, Logiker sprechen vom Strohmann-Argument. Im deutschen Fandom-Diskurs pflegt man diese Tradition derzeit unter dem Label „Auseindersetzung mit der toxischen Debattenkultur“. Dort präsentiert die eigene meist basale Erleuchtung dann mit einem Duktus voller „moralinsaurem Überlegenheitsapostelum“ und gekränktem, weil obsolet gewordenen Gatekeepertum. Ich nenne diesen Typus der Einfachheit halber ab jetzt den wohlmeinenden Erklärbären. Dieser erklärt uns in regelmäßigen Abständen, warum wir kritischen Geister eigentlich keine Argumente haben, sondern nur ein gestörtes Verhältnis zur Veränderung. Es ist die Arroganz der Couch-Psychologie: Wer widerspricht, hat nicht etwa einen Punkt, sondern bloß behandlungsbedürftig.
Der Erklärbär beginnt seine Lektion oft mit einer Fallstudie. Er zitiert einen besonders unappetitlichen Kommentar aus den Tiefen der sozial-medialen Abgründe – gerne mit Sexismus garniert, wahlweise auch mit einer Prise Rassismus – und verkündet dann triumphierend: Ecce homo! Seht her, das sei der typische Kritiker. Ein von „Verlustängsten geplagtes Wesen“, das den Komfort seiner Kindheitserinnerungen gegen die Zumutungen der Gegenwart verteidigt. Dass dieser Troll-Kommentar ungefähr so repräsentativ für das Fandom ist wie eine besoffene Pöbelei für eine Bundestagsdebatte – geschenkt. Der Erklärbär hat seinen Sündenbock gefunden und fackelt ihn mit der Kerze der Küchenpsychologie ab. „Angst vor Veränderung“, diagnostiziert er wissend nickend. Es ist ein bequemes Narrativ, das vor allem eines ignoriert: differenzierte Kritik(er).
Wir – und damit meine ich jene von uns, die stundenlang Podcasts aufnehmen oder Essays schreiben in denen wir Drehbuchstrukturen analysieren, dramaturgische Schwächen benennen und auch loben, wenn etwas funktioniert – wir passen nicht in dieses Schema. Wenn wir Starfleet Academy kritisieren, dann nicht, weil es neu ist. Im Gegenteil: Wir kritisieren es dafür, dass es sich in ihrer Kreativität auf dem Niveau einer drittklassigen Highschool-Serie einmummelt. Ein „Prank War“ zwischen Kadetten? Das ist so innovativ wie die Erkenntnis, dass Wasser nass ist. Ein Sportspiel, das aussieht wie aus Starship Troopers kopiert. Eine „Hall of Fame“ mit den üblichen verdächtigen Namen, weil man sich nicht traut, eigene Ikonen zu schaffen?
Unser Ruf im Podcast Serienchecker nach „etwas Eigenem“ ist kein rührseliger Blick zurück, sondern der verzweifelte Wunsch nach einer Zukunft, die diesen Namen auch verdient. Aber der Erklärbär hört das nicht, denn es würde sein sorgfältig konstruiertes Feindbild stören.
Besonders amüsant wird es, wenn behauptet wird, kritische Fans könnten keine konkreten Beispiele für handwerkliche Mängel nennen. Man habe in online nachgefragt – vergebens! Nun, da wir kein flüchtiges Posting-Medium sind, sondern uns der detaillierten Analyse verschrieben haben, hier mal Butter bei die Fische: Da wäre die Dramaturgie der ersten Folge, in der uns ein Trauma lediglich referiert wird (mal wieder), statt es filmisch zu evozieren. „Tell, don’t show“ – das ist der Kardinalfehler jeder Schreibstube. Oder die Logik der dritten Episode, in der Kadetten biometrische gesicherte Tür mittels eine leblosen Auges (was hat NuTrek eigentlich immer Augen) überlisten. Im 32. Jahrhundert! Während heute jedes iPhone eine Lebenderkennung besitzt, kapituliert hier die Technik vor der Bequemlichkeit des Plots. Dass in Folge 4 zudem die physikalische Logik der Welt für ein billiges Happy End geopfert wird, mag der Erklärbär als Petitessen abtun. Wir nennen es: handwerkliche Arbeitsverweigerung. Dass das seit Jahren ein wiederkehrendes Muster ist – das blendet der Erklärbär aber dann gerne mal aus.

Richtig schmutzig wird es jedoch, wenn Diversität als Schutzschild missbraucht wird. Da wird präventiv unterstellt, wer kritisiere, sei heimlich gegen Inklusion. Schauen wir uns das Elend konkret an: Ein gehörloser Schauspieler als Präsident von Betazed – wunderbar! Aber Betazoiden sind Telepathen. Warum zur Hölle nutzt er Gebärdensprache, ohne dass dies in die Weltlogik eingebettet wird? Das ist kein Hass auf Inklusion, das ist die berechtigte Frage nach konsistentem Worldbuilding. (SPOILER: Das wird in Folge 6 erklärt – aber bis dahin hat der geneigte Zuschauer 5 Wochen ???? im Kopf) Ebenso beim klingonischen Kadetten Jaden: Ein ehrenhafter Krieger, dessen Sexualität schlichtweg selbstverständlich sein sollte – das wäre die wahre Star-Trek-Botschaft gewesen. Stattdessen flüchtet man sich in eine fast schon schüchterne Inszenierung, die eher wie ein schwules Stereotyp aus den 80ern wirkt. Darf man das im Jahr 2026 noch fragen, oder ist Differenzierung bereits Blasphemie? Wer dann noch leise anmerkt das ein gewisses Fitnesslevel für eine militärische Organisation vielleicht der Immersion Vorschub leisten könnte, ja der, der kann sich ganz in den Orkus der toxischen Boomerwelten verabschieden.
Man sollte fairerweise erwähnen, dass auch die Studios ihren Teil zur Vergiftung des Diskurses beitragen. Da wird eine Serie als „für neue Generationen“ angekündigt, während man im Trailer nostalgische Anker wirft, als traue man dem eigenen Produkt nicht über den Weg. Es ist eine feige Strategie der moralischen Diskreditierung: Wer den erzählerischen Murks nicht schluckt, wird zum Fortschrittsfeind erklärt. Das ist bequem, denn man muss sich nicht mit Inhalten auseinandersetzen, wenn man die Kritiker moralisch entmündigen kann.
Der Erklärbär hat ein Problem: Wir existieren. Wir sind unabhängig, wir analysieren präzise, und wir lassen uns nicht in die Ecke des verängstigten Nostalgikers drängen. Star Trek war immer die Vision eines Dialogs, der zur Erkenntnis führt. Wenn wir diese Vision ernst nehmen, sollten wir aufhören, uns gegenseitig zu karikieren. Der Erklärbär darf gerne weiter seine Beiträge schreiben, manch Einer – so mukelt man – muss von diesen Lobhudeleien ja immerhin auch leben. Aber er sollte sich nicht wundern, wenn wir darauf hinweisen, dass sein Strohmann eben nur das ist – ein Strohmann. Differenzierte Kritik ist keine Krankheit, sie ist ein Angebot. Und wer sie als Bedrohung empfindet, sollte vielleicht einmal tief in den Spiegel schauen und fragen: Wer hat hier eigentlich Angst vor der Realität?
Live long and prosper – aber bitte endlich mal wieder mit einem Drehbuch, das den Namen verdient.