Teil 3: Die Verantwortung
Die Ausrede „früher gab’s auch Quatsch“ ist bequem. Aber für wen genau, das ist die eigentliche Frage.
Hollywood im Jahr 2026 ist ein Geschäft, in dem Marketing-Logik und Erzähllogik sich voneinander gelöst haben. Ein Muppets-Crossover ist ein perfekter Convention-Moment, ein Panel-Highlight, ein Trailer-Clip, der sich leicht teilen lässt, unabhängig davon, ob er der Serie als Ganzes dient. Genau das nennt sich Eventizing. Einzelne Momente werden für maximale Aufmerksamkeit optimiert, ohne Rücksicht darauf, was das für den großen Bogen einer Staffel bedeutet.
Im Hintergrund läuft dabei die größte Umwälzung der Franchise-Geschichte. Paramount und Warner Brothers Discovery verhandeln eine Fusion mit einem Unternehmenswert von rund 110 Milliarden US-Dollar. Das US-Justizministerium hat im Juni freigegeben, die britische Wettbewerbsbehörde im August. Wenn zwei Studios dieser Größenordnung fusionieren, wird jede Marke im Portfolio neu bewertet, danach, was sich verkaufen lässt, nicht danach, was erzählerisch stimmig ist.
Zur gleichen Zeit wurde Star Trek: Resurgence im April aus den Stores genommen, weil die Lizenz ausgelaufen ist. Ein von der Kritik durchgehend gut aufgenommenes Spiel, das einfach verschwand, aus Lizenzgründen, nicht aus Qualitätsgründen. Ob dahinter erhöhte Lizenzgebühren stehen, wie in Foren gemunkelt wird, ist unbelegt. Fest steht, dass ein gutes Star-Trek-Produkt über Nacht verschwand, ohne dass seine Qualität damit etwas zu tun hatte.
In diesem Umfeld wird die Ausrede „früher gab’s auch Quatsch“ zu einem nützlichen Ablenkungsmanöver. Sie verschiebt die Diskussion. Nicht Paramount trifft fragwürdige Prioritäten, sondern die Kritiker seien das Problem, weil sie angeblich vergessen hätten, wie die eigene Serie schon immer war.
Wie leicht sich Kritik auf diese Weise beiseiteschieben lässt, statt sie zu prüfen, zeigt ein Kommentar aus einer echten Facebook-Diskussion zu genau diesem Thema. Auf eine ausführliche, sachliche Kritik am aktuellen Star Trek antwortet jemand wörtlich: „Ich les mir weder deinen viel zu langen Kommentar durch, noch schau ich mir deinen Channel an. Hab nicht mal auf den Link geklickt. Aber ich werde weiter viel Spaß mit SNW haben. Und dir wünsche ich, dass dich die Werte von Star Trek erreichen, sie sind auch in den ulkigen Episoden zu finden.“

Das ist, anonymisiert, ein reales Zitat, kein Einzelfall und kein Ausrutscher. Die Kritik wird nicht gelesen, der Kanal nicht angeschaut, der Link nicht angeklickt, und trotzdem steht am Ende ein Urteil, formuliert sogar als „guter Wunsch“. An diesem Punkt hört ein Austausch auf, eine Diskussion zu sein. Wer sich in diesem Verhalten wiedererkennt, sollte sich ehrlich fragen, ob die eigene Reaktion der Sache dient oder nur der eigenen Bequemlichkeit, sich mit einem unbequemen Argument gar nicht erst auseinanderzusetzen.
Dieses Muster ist kein Einzelfall und auch kein reines Star-Trek-Phänomen. Der Lego-YouTuber Thomas Panke, bekannt als Held der Steine, zeigt anhand konkreter Sets, wie der Marktführer (in diesem Fall Lego) zunehmend in Mittelmäßigkeit abrutscht. Es gibt Aufkleber statt bedruckter Steine, „Farbseuche“, sinkende Verarbeitungsqualität, während kleinere Nischenanbieter oft bessere Produkte zu einem günstigeren Preis liefern. Dieselbe Ausgangslage gilt für „The Orville„, „For All Mankind“ oder „Pluribus“ gegenüber New Trek. Es gibt nachweislich bessere Alternativen. Und trotzdem verteidigen viele Kommentatoren unter seinen Videos weiterhin den Marktführer, akzeptieren billige Aufkleber, absurde hohe Preise und „Farbseuche“, statt zu den besseren Produkten zu wechseln. Genau diese Schizophrenie, die nachweislich bessere Alternative zu ignorieren, um dem etablierten Namen treu zu bleiben, zieht sich durch beide Fandoms (und Star Wars hat es auch ereilt).

Ein ähnliches Muster zeigt sich auch bei den Verantwortlichen selbst. Alex Kurtzman, seit Jahren die zentrale kreative Instanz der Franchise, erklärte gegenüber Variety, man höre zwar auf Fan-Feedback, unterscheide dabei aber „die toxische Fangemeinde von den echten Fans, die Star Trek lieben und gehört werden wollen“. Wo genau die Grenze zwischen berechtigter Kritik und Toxizität verläuft, sagt er nicht. Das Problem an dieser Unterscheidung ist nicht, dass es keine wirklich toxischen Reaktionen gäbe, die gibt es zweifellos. Das Problem ist, dass sich damit jede unbequeme, aber sachliche Kritik ebenfalls wegsortieren lässt, ohne dass jemand belegen müsste, warum sie angeblich unsachlich war. Am Ende hilft diese Unterscheidung niemandem wirklich weiter, weder den Produzenten, die dadurch tatsächliche Schwachstellen übersehen, noch den Fans, die ernsthaft diskutieren wollen. Der Erklärbär weiß wie man das macht 😉
Bei der Muppet-Folge selbst zeigte sich ein ähnliches Denken noch deutlicher. Showrunner Henry Alonso Myers beschrieb die Episode gegenüber Polygon als „bereits vor der Ausstrahlung spaltend“ und als mehr Arbeit als jede andere Folge zuvor, einschließlich der Musical-Folge. Man wusste vorher also, dass ein Teil des Publikums verstimmt reagieren würde, und hat trotzdem einen großen Teil der Staffel-Ressourcen genau dorthin gelenkt. Wer als Fan bei einer Serie bleibt, die so eine Reaktion von vornherein einplant, darf sich zu Recht fragen, wie ernst die „Kundenzufriedenheit“ den Verantwortlichen tatsächlich ist.
Spaß an „Strange New Worlds“ oder „Discovery“ zu haben, ist völlig legitim, das war nie die Frage. Nur lohnt es sich, den eigenen Maßstab dabei ehrlich zu benennen. Mittelmäßige Science-Fiction mit sympathischer Besetzung ist ein völlig akzeptabler Grund, eine Serie zu mögen. Etwas anderes zu behaupten und Kritiker mit sechzig Jahre alten Römer-Folgen zum Schweigen zu bringen, verteidigt am Ende weniger die Serie als die eigene Bequemlichkeit, sich mit der Kritik gar nicht erst auseinanderzusetzen.
Die Ausrede wirft drei verschiedene Dinge in einen Topf,
- Fehler aus Geldmangel,
- Fehler aus mutiger Konzeptarbeit und
- Fehler aus Beliebigkeit.
Nur weil alle drei komisch aussehen können, sind sie nicht dasselbe. Die einzig zielführende Frage bleibt immer dieselbe. Funktioniert das hier? Zahlt es sich für die Figuren aus? 1966 hatte dafür eine Ausrede: leere Kassen. Wer 2026 dieselbe Ausrede bemüht, sollte zumindest erklären können, welche Kassen heute leer sind.
Ein Kommentar