„Früher gab’s auch Quatsch“ – 1/4

Chaos gehörte schon immer zu Star Trek. Eine vierteilige Kolumne.


Teil 1: Der Mythos

Ein Blick zurück auf die schrägsten Momente der Franchise-Geschichte zeigt es deutlich. Chaos gehörte schon immer dazu. Die Frage ist nur, ob das die richtige Schlussfolgerung stützt.

Star-Trek-Autor Keith DeCandido hat vor Kurzem eine Liste veröffentlicht. Sie soll zeigen, wie verrückt Star Trek schon immer war.

Der Kapitän reitet auf seinem Ersten Offizier wie auf einem Pferd. Die Enterprise findet Abraham Lincoln, schwebend im Weltraum. Eine Riesenamöbe. Eine Doomsday-Maschine, die aussieht wie ein Füllhorn nach einer Kneipenschlägerei. Hunderte Tribbles fallen dem Captain auf den Kopf. Die Schiffsärztin hat Rauch-Sex mit einer Kerze. Die Enterprise besucht den Nazi-Planeten, den Römer-Planeten, den Gangster-Planeten. Voyager erfindet einen Warp-Antrieb, der einen in einen Salamander verwandelt. Der Hund des Captains pinkelt an einen heiligen Baum und beleidigt dessen Bewohner.

DeCandido zieht daraus ein klares Fazit. Wer sich über eine Puppen-Folge aufregt, hat offenbar seit sechzig Jahren nicht aufgepasst. Allerdings wird In den (vor allem) Facebook-Diskussionen eine Tatsache oft unterschlagen: Im selben Artikel geht DeCandido hart mit der Episode selbst ins Gericht. Den Kern der Idee mag er, vor allem die letzten Minuten, in denen die Crew ihre Puppenhaftigkeit endlich annimmt und dadurch die Orion-Piraten überlistet. Das Ende dagegen, die komplette Auflösung als bloßer Traum, nennt er einen billigen Ausweg. Wörtlich schreibt er, es „utterly ruins the episode“ für ihn. Sein tatsächliches Fazit ist also zweigeteilt. Gutes Konzept, schlecht zu Ende gebracht. Genau diese zweite Hälfte fällt beim Zitieren in Diskussionen regelmäßig unter den Tisch. Man fragt sich, warum?

Und ehrlich gesagt, der Instinkt dahinter ist nicht falsch. Star Trek war tatsächlich schon immer schräg, das lässt sich an Dutzenden Folgen belegen, und wer lange genug Fan ist, kennt diese Liste im Grunde auswendig. Die Frage ist nur, ob „es gab das schon immer“ automatisch bedeutet „also ist es diesmal genauso zu bewerten„. Das lohnt einen genaueren Blick, nicht um die Liste zu widerlegen, sondern um zu verstehen, was tatsächlich dahintersteckt(e).

Der Römer-Planet zum Beispiel. „Bread and Circuses“ schickt die Crew auf einen Planeten, auf dem das Römische Reich nie untergegangen ist, samt Gladiatorenkämpfen im Fernsehen. Was nach Ideenreichtum klingt, war es nur zum Teil. Die römischen Kostüme kamen aus Paramounts eigenem Fundus, ursprünglich entworfen für Cecil B. DeMilles Monumentalfilme wie The Sign of the Cross und Cleopatra. Das ganze Konzept der Parallel-Erde, auf der zufällig eine irdische Epoche mit vorhandenen Kostümen nachgestellt wird, war eine bewusste Sparmaßnahme. Kein neues Alien-Design, keine neuen Sets, keine neue Maske, nur ein Fundus, der schon da war. Easy!

Beim Halloween-Planeten liegt der Fall ähnlich. „Catspaw“ ist die einzige Star-Trek-Folge der Geschichte, die überhaupt als Feiertags-Special konzipiert wurde. Gedreht im Mai, aber bewusst erst im Oktober ausgestrahlt, eben passend zu Halloween. Die Kostüme stammen nachweislich aus Gilligan’s Island, und die außerirdischen Antagonisten am Ende sind Marionetten an sichtbaren Fäden. Also auch das ist weniger mutiger kreativer Sprung, als viel mehr eine Verkaufsidee für einen Sendetermin.

Beim Cowboy-Planeten wird der Zusammenhang zwischen Geld und Kreativität besonders deutlich. „Spectre of the Gun“ schickt die Crew in eine surreale, unfertige Westernstadt, nur Fassaden, keine ganzen Gebäude, und gilt bis heute als eine der visuell einprägsamsten TOS-Folgen. Der Grund für die Optik war simpel. Staffel drei hatte massive Budgetkürzungen. Ursprünglich sollte vor Ort in Arizona gedreht werden, dafür fehlte das Geld, und auch ein kompletter Westernstadt-Set wäre zu teuer gewesen. Produzent Robert Justman kam deshalb auf die Idee, nur Fassaden zu bauen und die Unvollständigkeit als Traumlogik zu verkaufen. Aus der Not wurde eine Optik, nicht umgekehrt.

Und beim Gangster-Planeten zeigt sich dasselbe Muster noch einmal. „A Piece of the Action“ gilt vielen als eine der witzigsten TOS-Folgen, wieder eine Parallel-Erde, diesmal im Chicago-Gangster-Stil der Zwanziger. Das ursprüngliche Drehbuch war so aufwendig, dass laut Produktionsunterlagen allein die ersten zehn Seiten das komplette Episodenbudget gesprengt hätten. Es musste komplett umgeschrieben werden, damit es überhaupt finanzierbar war.

Nur der Römer-Planet und der Gangster-Planet stehen tatsächlich in DeCandidos eigener Aufzählung. Halloween-Planet und Cowboy-Planet kommen aus der breiteren Fan-Debatte um dasselbe Argument, gehören aber in dieselbe Kategorie. In allen vier Fällen steckt hinter dem vermeintlichen kreativen Mut vor allem eine leere Kasse. Die Serie musste billig produzieren, Staffel für Staffel mit weniger Geld pro Folge als die vorherige, und aus dieser Not heraus entstanden ausgerechnet die Folgen, die heute gerne als „Star Trek war schon immer albern“ zitiert werden.

Es gibt aber noch eine dritte Kategorie, die mit Sparzwang nichts zu tun hat. Echte kreative Wagnisse, aus Ambition entstanden, nicht aus Not, allerdings mit sehr unterschiedlichem Ausgang.

Shore Leave“ ist so ein Fall. Die Folge schickt die Crew auf einen Planeten, auf dem Gedanken zu Realität werden, Samurai, ein weißes Kaninchen, ein Kampfflugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg inklusive. Hier wurde nicht gespart, sondern überzogen. Budgetiert mit 185.000 Dollar, kostete die Folge am Ende 199.654 Dollar, acht Prozent drüber, und der Dreh dauerte einen Tag länger als geplant. Gene Roddenberry saß während der Dreharbeiten unter einem Baum und schrieb live am Drehbuch mit, um die Fantasie halbwegs finanzierbar zu halten. Trotzdem, oder gerade deswegen, gilt die Folge bis heute als einer der TOS-Klassiker.

Bei „Rascals“ lag der Fall ähnlich, nur mit anderem Ausgang. Die Idee, Picard, Guinan, Ro und Keiko O’Brien durch einen Transporterunfall zu Kindern zu machen, wurde bereits in Staffel fünf eingekauft, rein aus Story-Interesse. Ronald D. Moore, der am Ende das Drehbuch schrieb, hielt die Prämisse selbst für lächerlich und versuchte eigenen Aussagen zufolge mehrfach, sie wieder zu versenken, bevor er sie doch umsetzen musste. Das Ergebnis gilt bis heute als bestenfalls durchwachsen.

A Fistful of Datas“ aus Staffel sechs, die Westernhommage mit Data als Bösewicht, funktionierte dagegen deutlich besser. Regisseur Patrick Stewart soll sich zur Vorbereitung jeden Abend einen klassischen Western ausgeliehen haben. Die Folge gilt bis heute als eine der komischsten der ganzen Serie.

Qpid„, Picard als Robin Hood, entstand, weil Autor Brannon Braga den Stoff wegen Kevin Costners frischem Kinoerfolg gerade für zeitgemäß hielt, nicht aus Geldnot. Die Kritiken fielen gemischt bis vernichtend aus. Hübsche Kostüme, aber nach Ansicht vieler Rezensionen keine erkennbare Geschichte dahinter.

Bride of Chaotica!“ aus Voyagers fünfter Staffel, die Schwarzweiß-Hommage an alte Flash-Gordon-Serials mit Janeway als Spinnenkönigin Arachnia, zählt bis heute laut dem Buch „Star Trek 101“ zu den zehn wichtigsten Voyager-Folgen überhaupt. Auch hier keine Spur von Sparzwang, nur eine Serie, die sich traute, für eine Stunde komplett albern zu werden.

Fünf Folgen, alle aus echtem kreativem Antrieb entstanden, keine einzige aus leeren Kassen. Und trotzdem gelten drei davon bis heute als gelungen, eine als durchwachsen, eine wird von Kritikern regelrecht zerrissen. Kreativer Mut allein ist offenbar keine Erfolgsgarantie, ganz gleich, ob das Geld knapp war oder nicht.

Das heißt nicht, dass in neunundsiebzig TOS-Folgen nie etwas schiefging, ganz ohne Not. „Sub Rosa“ (die mit dem Kerzengeist-Sex) und „Threshold“ (die mit den Lurchen) aus späteren Serien gelten bis heute zu Recht als schwache Einzelfolgen, ganz ohne Budget-Ausrede, genau wie „Masks„, die TNG-Folge, in der Data von einer außerirdischen Sonnengöttin besessen wird, und „Move Along Home„, DS9s erste Kontaktfolge mit den Wadi, die Fans beim fünfzigjährigen Star-Trek-Jubiläum zur schlechtesten DS9-Folge überhaupt wählten. Manches am alten Quatsch war schlicht schlecht, keine unterschätzte Perle, die man erst heute zu würdigen weiß, sondern einfach eine kack Folge. Punkt.

Nur bleibt das die Ausnahme, nicht die Regel. Die Franchise bringt es inzwischen auf über neunhundert Folgen. Rechnet man grob mit ein bis zwei wirklich Gurken pro Staffel in den klassischen Ären mit vierundzwanzig bis sechsundzwanzig Folgen, landet man über die gesamte Geschichte bei einer niedrigen zweistelligen Zahl an Folgen, die bis heute unstrittig als missraten gelten. Zwei davon in einer Sechsundzwanzig-Folgen-Staffel sind etwas anderes als fünf Konzeptfolgen in einer Zehn-Folgen-Staffel. Die Zahlen tragen die Analogie nicht.

Und dann gibt es „Trials and Tribble-ations„, DS9s Jubiläumsfolge mit denselben albernen Tribbles wie damals, diesmal verankert in Dax‘ eigener Familiengeschichte, mit echten Konsequenzen für eine echte Figur. Der Beleg, dass Albernheit und Substanz sich nie ausgeschlossen haben, nur eben Hirnschmalz gekostet haben.

Übrigens ist dieser Gedanke nicht neu, wir haben ihn schon 2020 unter dem Namen „Scheinargument drei“ durchleuchtet. Er ist seitdem nicht schwächer geworden, er taucht nur regelmäßiger auf.

Selbst wenn man großzügig wäre und sagen würde, Römer-Planet, Halloween-Planet, Cowboy-Planet und Gangster-Planet wären tatsächlich aus purer kreativer Lust entstanden, ganz ohne Sparzwang, so wie Shore Leave oder Bride of Chaotica, würde das die heutige Kritik an „Level Five Transporter Accident“ schon entkräften? Eigentlich nicht, wie die fünf Beispiele oben gerade gezeigt haben. Kreative Freiheit garantiert keine gute Folge. Denn dann bliebe immer noch die eigentliche Frage offen. Hat die Folge funktioniert? Hat sie etwas mit den Figuren gemacht, das bleibt?
Der Verweis auf die Vergangenheit beantwortet diese Frage nicht, er verschiebt sie nur.

Dabei lässt sich die Antwort darauf sogar sehr konkret geben. Puppen-Episoden sind in langlaufenden Genre-Serien ohnehin ein bekanntes Mittel, von Angels „Smile Time“ bis zu Community, das Konzept an sich ist also nicht das Problem. Wir haben „Level Five Transporter Accident“ in unserem eigenen SerienChecker-Podcast Szene für Szene durchgesprochen, und der Befund war eindeutig. Die Crew verhält sich fast die ganze Folge über wie Menschen, die zufällig in Puppenkörpern stecken, nicht wie Puppen. Erst in den letzten zehn Minuten, als sie sich gegen die Orion-Piraten wehren, indem sie gezielt ausnutzen, dass sie selbst nicht atmen müssen und ihren Gegnern den Sauerstoff abdrehen können, nimmt die Folge ihre eigene Prämisse wirklich ernst. Bis dahin fehlt genau die Energie, die auch die echte Muppet Show ausmacht, und die zeigt sich nirgends deutlicher als in „Schweine im Weltall„, der wiederkehrenden Muppet-Sketchreihe, die selbst nichts anderes ist als eine Star-Trek-Parodie, Captain Link Hogthrob, Miss Piggy als Erster Offizier und die USS Swinetrek inklusive. Dort wird die Albernheit von der ersten Sekunde an auf die Spitze getrieben, kein Zögern, kein Sich-erst-Herantasten. Und genau deshalb funktioniert es. Ein Konzept, das sich erst in den letzten zehn von zwanzig Minuten traut, ist kein zu Ende gedachtes Konzept.

Auch das Roseanne / Bobby Ewing Gedächtnis Ende (Es war alles nur ein Traum) passt in dieses Bild. Es wirkt weniger wie eine erzählerische Notwendigkeit als wie eine vorsorgliche Absicherung gegen genau die Kritik, die jetzt trotzdem kommt. Wer sich aufregt, dem lässt sich entgegnen, es sei ja eh nur ein Traum gewesen, nicht so gemeint. Das beantwortet die Frage nicht, ob die Folge funktioniert hat. Es umgeht sie. So kann man es sich eben auch leicht machen.

Ein ganz ähnliches Muster findet sich schon in einem Golem.de-Artikel, der Fan-Ablehnung von Worf, Janeway und dem Enterprise-Titelsong als Beweis nutzte, dass heutige Kritik ebenfalls irren müsse. Diesen Trick haben wir an anderer Stelle bereits einmal Schritt für Schritt durchleuchtet, mit derselben Methode.

Das Muster läuft aber nicht nur in eine Richtung. Auf Instagram kommentierte die unser geschätze Nerd-Freund Guddy (aka gudrunsiebenwinter ) unter ihrem Beitrag zur Folge sinngemäß, manchen sei das zu abstrus, aber das hätte es früher ja auch schon gegeben, und sie selbst liebe genau solche verspielten Folgen sehr, gerne auch mit Puppen. Der Enthusiasmus ist absolut nachvollziehbar, und niemand in dieser Kolumne hat je behauptet, Star Trek dürfe nicht albern sein. Nur beantwortet auch diese Argumentation die eigentliche Frage nicht. Sie verteidigt ein Recht auf Albernheit, das nie ernsthaft bestritten wurde, gegen eine Kritik, die an einer ganz anderen Stelle ansetzt, nicht am Konzept, sondern an der Ausführung.

Bleibt am Ende die eigentlich interessante Frage stehen, die DeCandidos Liste gar nicht berührt:
Was ist dann das eigentliche Problem mit New Trek?

Weiter in Teil 2: Die Diagnose

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