„Früher gab’s auch Quatsch“ – 2/4

Teil 2: Die Diagnose

Wenn Budget und Konzepttiefe die alten Ausreißer erklären (vgl. Teil 1), bleibt eine Frage offen: Was erklärt dann die heutigen?

New Trek hat kein Budget-Problem. „Strange New Worlds“ hat pro Episode ein Vielfaches dessen, was TOS je zur Verfügung stand. Wenn die Serie trotzdem wackelt, muss der Grund woanders liegen.

Ein Blick auf einzelne Handlungsstränge zeigt ein wiederkehrendes Muster. Ideen, die viel versprechen, aber selten die Zeit bekommen, sich auszuzahlen. Das betrifft nicht nur eine Figur, sondern zieht sich durch mehrere zentrale Handlungsstränge der Serie.

Nehmen wir Captain Pike. Seit der ersten Staffel weiß er, wie und wann er verstümmelt wird, durch eine Zeitreise-Vision aus „The Cage„. Das ist eine der stärksten Ausgangslagen, die eine Serie ihrem Hauptcharakter geben kann, ein Mann, der mit dem Wissen um sein eigenes Schicksal leben muss. Bisher wurde daraus vor allem eine wiederkehrende Randnotiz. Die Serie erinnert gelegentlich daran, dass die Vision existiert, ohne wirklich zu zeigen, was das mit jemandem macht, der jeden Tag weiterlebt.

Die Gorn sind ein zweites Beispiel. In der ersten Staffel eingeführt als kosmischer Schrecken, der wortlos, unverhandelbar und tödlich ist, verschwinden sie zwischen Staffel zwei und drei fast komplett aus der Handlung, bevor sie in Staffel drei zurückkehren, diesmal deutlich redseliger und mit sogar mit halbwegs nachvollziehbaren Motiven ausgestattet. Für sich genommen ist diese Komplexität der Gorn kein Fehler. Nur wirkt der Bruch mit dem ursprünglichen Konzept unentschieden. Erst Horror ohne Worte, dann Diplomatie mit Untertiteln, ohne dass die Serie diesen Wechsel selbst erklärt.

La’an Noonien-Singhs Trauma bekam in der Auftaktstaffel eine der stärksten Einzelfolgen der ganzen Serie, „Memento Mori“, verankert in echter Kindheitsangst vor den Gorn. Die Zeitreise-Folge mit Kirk in Staffel zwei baute darauf auf und funktionierte gut. Danach flacht der Bogen wieder ab, die Figur bekommt neue Episoden, aber das Trauma selbst wird seltener wirklich verhandelt.

Bei Doktor M’Benga liegt der Fall besonders deutlich. Die erste Staffel etabliert, dass er seine todkranke Tochter in einem Transporter-Puffer am Leben hält, ein moralisch aufgeladenes Geheimnis mit Sprengkraft für die ganze Krankenstation. Die Auflösung dieses Bogens erfolgt Staffeln später, eher nebenbei, ohne dass die Wucht der ursprünglichen Idee eingelöst wird.

Spocks Identität zwischen zwei Welten schließlich ist der älteste dieser Fäden, seit der Originalserie fester Bestandteil der Figur. „Strange New Worlds“ nimmt sich in einzelnen Folgen viel Zeit dafür, springt an anderer Stelle aber zu Genre-Experimenten, die mit diesem Kernkonflikt wenig zu tun haben.

Durch alle fünf Beispiele zieht sich dasselbe Muster. Gute Ausgangsideen, die selten zu Ende gedacht werden, weil die Serie ständig zwischen Konzeptfolgen hin und her wechselt. Nicht jeder dieser Fäden muss in jeder Episode weitergesponnen werden. Aber wenn ein Trauma wie M’Bengas Tochter eingeführt wird und dann über Jahre kaum Raum bekommt nur um dann auf einmal in Wohlgefallen aufgelöst zu werden ist das (wie schon bei Ariam in Discovery) ein weiteres interessantes Konzept, das zu Gunsten von Eye-Candy und Massen-Appeal  geopfert wird.

Ein Vergleich mit „Picard“ hilft hier weiter, nicht um New Trek insgesamt schlechtzumachen, sondern um zu zeigen, dass dasselbe Ungleichgewicht schon vorher aufgetreten ist. Staffel eins und zwei von „Picard“ gelten selbst unter wohlwollenden Fans als schwach, mit Handlungssträngen, die kaum zueinanderfanden. Erst Staffel drei, mit der kompletten Rückkehr der TNG-Besetzung und einem durchgezogenen Bogen, wurde von Kritik und Fans gleichermaßen als Befreiung empfunden. Wer „Strange New Worlds“ für dasselbe Ungleichgewicht mit weniger Strenge bewertet, nur weil die einzelnen Ausreißer dort unterhaltsamer wirken, sollte sich zumindest fragen, ob das an der Sache liegt oder am Sympathiebonus der Serie.

Kleiner Sidehustle weil es mir grade in den Sinn kam: Interessant ist dabei ein Detail zu „Picard“, das gerne übersehen wird (oder werden will). Patrick Stewart selbst hat sich nach eigenen Angaben deutlich in die Story der ersten beiden Staffeln eingebracht, bis hin zur Grundrichtung der Handlung. Das zeigt etwas Grundsätzliches. Ein Schauspieler, der eine Figur über Jahrzehnte verkörpert, versteht deshalb nicht automatisch, was diese Figur für das Publikum bedeutet. Wer eine schwache Staffel allein deshalb verteidigt, weil der Hauptdarsteller selbst mitgeschrieben hat, verwechselt Nähe zur Rolle mit Verständnis für die Rolle. Das gilt in beide Richtungen. Genauso wenig macht die Beteiligung eines Star-Schauspielers eine Geschichte automatisch über Kritik erhaben.

Leonard Nimoy hat einmal sinngemäß gesagt, das Geheimnis von Star Trek sei, dass es auch als Abenteuer funktioniere, während es nebenbei etwas über uns selbst erzähle. Das lässt sich auf viele der schrägen TOS-Folgen anwenden. Der Gangster-Planet ist auch eine Geschichte über Macht und Korruption, der Römer-Planet auch eine über Konformität. Die Albernheit war nie Selbstzweck, sie trug etwas. Genau diese zweite Ebene fehlt oder kommt zu kurz bei den fünf genannten New-Trek-Fäden, nicht weil Genre-Wechsel per se ein Problem wären, sondern weil die Wechsel selten mit den bereits angelegten Figuren-Fragen verknüpft werden.

Damit wird die Diagnose hoffentlich klarer als die reine Behauptung „New Trek ist schlecht„. Starke Ausgangsideen bekommen zu selten die Zeit, etwas einzulösen. Die Albernheit selbst war nie das Problem. Bleibt die Frage, wer das zu verantworten hat, und warum das gerade jetzt so ist.

Weiter mit Teil 3: Die Verantwortung

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