Wenn man über Star Trek reden will und am Ende doch wieder über Fans redet
Ich wollte eigentlich über eine schlechte Folge Star Trek reden. Genauer gesagt über „Tomorrow’s Enterprise“, das Finale der vierten Staffel von Strange New Worlds. Schon der Titel legt die Latte ziemlich hoch, natürlich denkt man sofort an „Yesterday’s Enterprise“. Die Folge wirft dann noch „All Good Things“ in den Mixer, zeigt uns die Enterprise in vertrauterer TOS-Optik, lässt Figuren aus The Animated Series durchs Bild laufen und baut gleich mehrere Momente ein, bei denen langjährige Fans automatisch sagen sollen: Ah, guck mal.

Das funktioniert ja auch. M’Ress zu sehen ist nett, ein Tellarit auf der Brücke ist nett, und die Zukunfts-Enterprise sieht stellenweise verdammt gut aus. Die Idee, dass Uhura mit einer Version ihrer selbst kommuniziert, die ein Jahr in der Zukunft lebt, fand ich anfangs sogar richtig gut. Darüber haben wir in unserem Podcast gesprochen. Ebenso darüber, wo die Geschichte für uns auseinanderfällt, warum die Romanze zwischen Scotty und Uhura so plötzlich auftaucht und warum aus einer Zeitreisegeschichte irgendwann kosmische Geburtshilfe für ein Space Baby werden muss.
So weit wäre alles normal. Man sieht eine Folge, man redet darüber. Einer fand sie gut, der andere schlecht. Einer hält die Science für Unsinn, der nächste sagt, Star Trek habe es mit der Wissenschaft ohnehin nie so genau genommen. Und dann kramt irgendein Nerd eine 30 Jahre alte Folge Deep Space Nine hervor und erklärt, warum genau dieses Zeitreiseproblem damals schon eleganter gelöst wurde. Das ist doch eigentlich der Spaß an der Sache.
Also schrieb ich einen Facebook-Post mit einer ziemlich einfachen Frage: Feiern wir eigentlich noch gutes Star Trek, oder freuen wir uns inzwischen so sehr über Wiedererkennung, dass der Rest kaum noch eine Rolle spielt?

Es dauerte nicht lange. „Fandom is broken.“ „Don’t come moaning.“Ich sei offenbar nicht offen genug für ungewöhnliche Geschichten. Später kamen die „supposed purists“ dazu, die „hatersphere“ und der Verdacht, Kritik an schlechtem Writing sei ohnehin nur ein Vorwand für ganz andere Dinge. Ein Fan erklärte, solche Posts verdürben ihm seine „light-hearted happiness“. Ein anderer schrieb zunächst nur, er habe die Staffel eben gemocht, und bearbeitete seinen Kommentar drei Minuten später noch einmal, um eigens hinzuzufügen: „Don’t be such a whiner.“

Da saß ich also. Eigentlich wollte ich darüber reden, warum Scotty plötzlich romantisches Interesse an Uhura entwickelt. Stattdessen sollte ich erklären, ob mit meiner Persönlichkeit etwas nicht stimmt. Das ist inzwischen fast interessanter als die Folge selbst.
Patrick, einer der ausdauerndsten Kommentatoren, hatte bemängelt, „weak writing“ sei zu pauschal. Stimmt. Also lieferte ich, was er verlangte, und wurde konkret. Scotty und Uhura: Wo wurde diese Beziehung vorbereitet? Ein paar Folgen vorher hatte Scotty zumindest eine erkennbare Dynamik mit Ortegas. Man musste das nicht romantisch lesen, aber die beiden hatten gemeinsame Szenen, Reibung, Entwicklung. Bei Uhura kommt sein Interesse für mich aus dem Nichts. Die Kamera bleibt einen Moment länger auf ihm hängen, und kurz darauf soll diese Beziehung emotional das halbe Finale tragen. Oder die Moral der Folge: Uhura soll lernen, ihr Leben nicht ständig auf morgen zu verschieben. Schöne Idee. Nur vertraut das Drehbuch seiner eigenen Geschichte so wenig, dass Future Uhura die Botschaft erklärt, Chapel sie noch einmal aufgreift, Scotty sie erneut emotionalisiert und am Ende ein Kuss den letzten Textmarkerstrich darunter setzt. Im Podcast haben wir gewitzelt, man müsse dem Zuschauer eigentlich noch Pfeile ins Bild malen: Hier ist die Moral. Hier bitte fühlen.
Darauf kann man antworten. „Ich finde, die Beziehung wurde sehr wohl vorbereitet, weil …“ Oder: „Die Wiederholung der Botschaft funktioniert für mich, weil …“ Dann hätten wir eine Diskussion über Star Trek.
Patrick entschied sich für eine andere Richtung. Meine Kritik sei der Hinweis auf einen verschlossenen Geist, ich wolle Trek offenbar nur auf eine bestimmte Art haben. Später war mein Argument auf einmal nur noch ein „unglaubwürdiger Deckmantel für die Haltung irgendwelcher Puristen“. Das ist eine erstaunlich wirksame Methode, eine Diskussion zu beenden, ohne sie führen zu müssen. Wenn mein Einwand gegen das Drehbuch nur ein Symptom meiner Engstirnigkeit ist, muss man sich mit dem Drehbuch nicht mehr aufhalten.
Psychologisch ist das durchaus interessant. Star Trek begleitet viele von uns seit Jahrzehnten. Das ist keine Serie, die man an einem verregneten Sonntag wegbingt und danach vergisst. Daran hängen Kindheit, Jugend, Freundschaften, Conventions, Bücher, Modelle, Podcasts und tausend völlig nutzlose Fakten. Irgendwann gehört das zum eigenen Selbstbild, aus „Ich mag Star Trek“ wird „Ich bin Star-Trek-Fan„. Dann kommt ein Satz wie „Diese Staffel ist schlecht geschrieben“ schnell persönlicher an, als er gemeint war. Wenn etwas, das mir wichtig ist, öffentlich als schlecht bezeichnet wird, schleicht sich leicht ein zweiter Gedanke ein: Was sagt das über mich, wenn ich es trotzdem gut finde? Im Idealfall lautet die Antwort: gar nichts. Geschmack ist Geschmack. Menschen sind aber nicht immer im Idealfall unterwegs, auf Facebook schon gar nicht.
So wird aus der Verteidigung einer Serie schnell die Verteidigung des eigenen Urteils, und irgendwann verteidigt man nicht mehr Strange New Worlds, sondern sich selbst. Dann fallen Sätze wie: „Wir können eben auch Dinge außerhalb unserer Komfortzone genießen.“ Das ist geschickt formuliert, denn die eigene Begeisterung bekommt gleich eine kleine Beförderung. Man findet die Serie nicht einfach gut, man ist offenbar auch offener, flexibler und experimentierfreudiger als die Leute, die sie kritisieren. Aus Geschmack wird Charakter, und der Kritiker landet automatisch auf der anderen Seite.

Das erklärt auch das ewige „Let people enjoy things“. Natürlich sollen Leute Dinge genießen. Ein Mann im Thread schrieb sinngemäß: Die Staffel war Mist, aber dieser eine Moment war cool, und den nehme ich mit. Damit kann ich hervorragend leben, eigentlich beschreibt er ziemlich genau, was ich selbst meine. Ein guter Moment bleibt ein guter Moment. Ein Cameo darf Spaß machen, eine schöne Einstellung bleibt schön, auch wenn fünf Minuten später ein Space Baby durchs Drehbuch fällt. Aus seinem Kommentar wurde sogar ein normales Gespräch. Er erzählte, dass verschiedene Generationen Star Trek unterschiedlich erleben und manche Fans inzwischen nach den kleinen Dingen suchen, die ihnen noch Freude machen. Wir waren nicht überall einer Meinung, aber wir redeten über die Sache. Geht also.
Andere empfinden Kritik offenbar schon als Eingriff in den eigenen Spaß. „Stop ruining moments of light hearted happiness for the rest of us“, auch dieser Satz fiel. Man muss sich das kurz vorstellen: Ich schreibe, dass ich eine Folge eher mittelmäßig finde, und irgendwo am anderen Ende der Welt verliert ein anderer Mensch dadurch einen Teil seiner Freude daran. Warum? Wahrscheinlich, weil Kritik einen schönen Moment komplizierter macht. Wer gerade begeistert „M’Ress!“ ruft, möchte nicht unbedingt daneben lesen, dass derselbe Cameo für jemand anderen nur Fanservice in einer schwachen Geschichte ist. Verständlich. Ein Maßstab für öffentliche Diskussion kann das aber nicht sein. Ich kann meine Meinung schlecht davon abhängig machen, ob sie einem Fremden im Internet das Wohlgefühl mit einer Fernsehserie trübt.
Besonders schräg wird es, weil wir hier über Star Trek reden. Dieses Franchise erzählt seit 60 Jahren Geschichten über Neugier, Vernunft, Offenheit, Widerspruch und die Fähigkeit, fremde Sichtweisen auszuhalten. Dann schreibt jemand: „Ich finde das Drehbuch schlecht.“ Antwort: „Whiner.“ Großartig. Offenbar funktioniert die Übertragung trekkiger Werte ins echte Leben ungefähr so zuverlässig wie der Transporter in einer Folge, in der er dramaturgisch gerade kaputt sein muss. Captain Picard zu mögen macht einen Menschen noch lange nicht zu Captain Picard. Spock-Fan zu sein schützt nicht vor Denkfehlern. Und IDIC auf ein T-Shirt zu drucken ist wesentlich einfacher, als eine abweichende Meinung auszuhalten.
Dazu kommt etwas anderes. Viele Fans haben in den vergangenen Jahren viel Energie in die Verteidigung von New Trek gesteckt. Discovery wurde kritisiert, Picard wurde kritisiert, und Strange New Worlds sollte endlich der Beweis sein, dass es doch funktioniert. Wer jahrelang öffentlich gesagt hat, diese Serie sei das große Comeback, dem wird eine schwache Staffel irgendwann unangenehm. Man kann dann sagen: Ja, da ist einiges schiefgegangen. Oder man erklärt die Kritiker zum Problem. „Fandom is broken.“ Das schützt das eigene Urteil ziemlich elegant.
Es wäre mir allerdings zu billig, daraus abzuleiten, jeder begeisterte Fan wisse insgeheim, wie schlecht die 4. Staffel ist. Natürlich nicht. Manche lieben sie wirklich, und einige können ziemlich gut erklären, warum. Eine Frau schrieb etwa, sie habe gelacht und geweint, die Figurenmomente gemocht und die Zeitreisegeschichte spannend gefunden. Über den Tellariten freute sie sich auch. Das ist eine Position, über die man reden kann. Ich widerspreche ihr bei der Science und bei der angeblich neuen Idee der Folge, aber dann reden wir wenigstens über die Folge.

Das vermisse ich inzwischen oft. Ich möchte wieder darüber streiten, wie Warp-Geschwindigkeit eigentlich funktioniert. Ich möchte wissen, ob das weiße Loch in „Tomorrow’s Enterprise“ auch nur entfernt etwas mit dem theoretischen Konzept eines weißen Lochs zu tun hat. Ich möchte darüber diskutieren, warum Uhura auf die Außenhülle der Enterprise muss, um einem kosmischen Wesen bei der Geburt zu helfen, und warum sie an einem Schrei sofort erkennt, dass Scotty sterben wird. Warum Figuren in einer Szene klug handeln und fünf Minuten später nur noch tun, was das Drehbuch gerade braucht. Warum man eine interessante Prämisse aufbaut und ihr dann so wenig vertraut, dass noch ein weiterer Twist draufgeschraubt werden muss. Das sind herrlich nerdige Fragen, und um die geht es doch. Stattdessen verbringt man seine Zeit damit zu erklären, dass Kritik keine Form von Untreue ist. Für mich ist sie eher das Gegenteil.
In unserem Staffelfazit im Podcast kam irgendwann der Vergleich mit einem Fußballverein auf. Star Trek fühlt sich derzeit an wie ein Traditionsclub, der früher Champions League gespielt hat und inzwischen irgendwo in der dritten Liga herumgurkt. Man erinnert sich genau, wie gut es einmal war. Man weiß, dass es wieder besser werden könnte. Deshalb sitzt man immer noch da. Und dann kommt jemand und sagt: Wenn dir die Mannschaft nicht gefällt, such dir doch einen anderen Verein.
So funktioniert Fan-Sein für mich nicht. Ich habe Discovery gesehen, ich habe Picard gesehen, ich habe vier Staffeln Strange New Worlds gesehen. Ich werde auch die fünfte sehen, natürlich. Mit diesem Verein bin ich schließlich schon bis in die Regionalliga abgestiegen. Aber wenn der Mittelstürmer fünf Meter vor dem leeren Tor den Ball zur Eckfahne schießt, stehe ich nicht auf und klatsche, weil das Vereinslogo auf seinem Trikot historisch korrekt gestickt ist. Dann frage ich: Was zur Hölle war das?
Genau darüber würde ich gerne wieder diskutieren. Über das Spiel. Nicht darüber, ob ich ein schlechter Fan bin, weil ich den Fehlpass gesehen habe.
State of the Franchise, Part 3760. Fortsetzung vermutlich unvermeidlich.